junge Welt vom 11.10.2003

Feuilleton

Anders vorstellen
Ersatzstadt oder Bürgerstadt? Eine Ausstellung zu Stadtrealitäten in der Berliner NGBK

Bettina Klix


"Woher kommen Sie?" Fragen Reporter von Kanak Attak auf Englisch eine Frau. "Essen" Dann muß das Wort erst gesucht werden: "Germany." Nächste Frage: "Wann wollen Sie zurückgehen?" Dieser Schnipsel zum Thema Migration ist in einem von vier Videofilmen, die die unterhaltsamsten wie lehrreichsten Arbeiten der laufenden NGBK-Ausstellung sind.

"Learning From*, Städte von Welt, Phantasmen der Zivilgesellschaft, informelle Organisation", so formuliert es, eher nicht so einladend, der Titel der Ausstellung in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst. Der Umschlag des sehr lesenswerten Katalogs wird von einem Stück "schmutziger", regelloser Stadtrealität geziert, während sich, wie ein kleiner Hinweis sagt: "Das europäische Phantasma im Innenteil" des Covers befindet, sozusagen als Illustration des Satzes "Stadt stellen wir uns anders vor" . Eine Zeichnung zeigt Bruchstücke von Platz, Dom, Altstadthäusern, Turm. Die bürgerliche Stadt, ein Exportartikel, im industriellen Zeitalter und per Kolonialisierung in die Welt gebracht. Vermeintlicher Ort von Bürgerfreiheit, Kultur und wirtschaftlicher Erneuerung. Doch durch die Globalisierung ist einiges, was draußen angerichtet wurde, in die Städte der ersten Welt zurückgekehrt. Schattenökonomien, Korruption auf der einen Seite, Überwachung, Bereinigung und Gated Communities auf der anderen Seite bauen zunehmend die Stadtöffentlichkeit und Ordnung ab.

"Learning from*" sollte ursprünglich "Learning from Lagos" heißen und wäre eine deutlichere Anspielung auf "Learning from Las Vegas" gewesen, Robert Venturis Studie über das amerikanische Gegenmodell von Stadt in der Wüste. Der Ort Lagos, alte Hauptstadt von Nigeria, hätte den Blick wohl zu sehr als von hier aus auf die sogenannte Dritte Welt eingeengt, wo sich doch erste, zweite und dritte Welt immer mehr durchdringen und zwar in Richtung eines Zentrum-Peripherie-Modells mitten in der sogenannten Ersten Welt. Die Ausstellung präsentiert verschiedene Projekte zum Thema der städtischen Realitäten. Der Akzent liegt auf Organisationsweisen inmitten von scheinbarem Chaos, und wie könnte es anders sein, auf der Regellosigkeit inmitten vermeintlicher Ordnung. Oft mit sehr viel Humor, manchmal beunruhigend, setzen sich diese Erkundungen von Stadt, investierte Zeit und Arbeit vorausgesetzt, instruktiv zusammen, aus den Videos, Installationen, Fotos, Zeichnungen, Diashows, Texten. Musik gehört auch dazu und zwar solche, die, ich hielt es zunächst für ein Scherzbeispiel, zur Vertreibung unerwünschter Personen in Einkaufszentren eingesetzt wird. Hansi Hinterseer mit "Du, ich mag dich" verjagte mich, als ich mir den Kopfhörer aufgesetzt hatte, auf der Stelle. Im Katalog stand aber, es sei empirisch belegt, daß sich österreichische Volksmusik als "unerträgliche" Musik erwiesen habe.

* NGBK, Oranienstr.25, 10999 Berlin